Danmarks Breve

BREV TIL: Johan Ludvig Heiberg FRA: Christoph Ernst Friedrich Weyse (1812-10-06)

Copenhagend. 6. Octbr. 1812.

Kaum 4 Tage ist der lange Junge fort, und schon sehnt sich und schmachtet alles nach ihm, wie ein neugebornes Kind nach der Amme. In stummen Schmerz versenkt sitzt da der Dompfaf und lässt nicht einen Laut von sich hören. Der Canarienvogel ist vor Betrübniss halbblind, und schlägt unruhig mit den Flügeln. Antoni rennt verzweiflungsvoll ins Schauspiel, und schafft in Krigsretten 1) den verhaltnen Thränen Luft. Sophie 2) versalzt mit ihren Thränen die Suppe, und Anne kann sig am Besenstiele kaum aufrecht erhalten. Deine Mutter greift, nach dem vergeblichen Versuche ihre Sehnsucht nach dir wegzunähen, endlich nach den Bostonkarten, macht Fehler über Fehler und bekommt gewaltige Schelte. Gyllembourg lässt in dicken, undurchdringlichen Rauchwolken seine Seufzer gen Himmel steigen, und Weyse, der arme Weyse! sitzt da ganz verwaiset, den trüben, thränenschweren Blick starr auf die leere Bostoncasse geheftet, und ruft einmal übers andre: o Ludwig! o Stockholm! o Wien! o Smör! denn wahrhaftig! wenn das Viertel Butter 96 Rthlr. kostet, wie kann man da an eine Reise denken. Ja wer so glücklich wäre wie Venus und Joh. Lud. Heiberg mit Tauben reisen zu können (empfange in Eile diesen zärtlichen Kriegs 3) von mir), aber so fährt man höchstens med blakkede Heste og en Conferentsraad Brun einmal in 6 Wochen nach Fridrichsthal! das ist alles. Als ich am Freytage von meiner Tour zurückkam (es war halb zwey), hofte ich halb und halb dich noch anzutreffen und an deinem warmen Busen meinen vom Regen durchnässten Ueberrock zärtlich zu trocknen. Ich klingelte hastig. Langsam öfnete sich die, Thüre. Siehe: da war weder Wärme noch Busen, und ich trollte mich, nachdem ich vorher die mit Pfirschen und andern Früchten reich-beladene Tasche ausgepackt hatte. Den Stads gik din Næse forbi. Rührt dich das nicht? Nun, so höre weiter. Als ich Sonnabends mein mühseliges Geschäft vollendet hatte, die s. 14 Königstochter zu lehren: wie man ein ganzes Heer ungeschlachter, dickköpflgter und langgeschwänzter Mohren mit sanfter Stimme beherrschen kann — und darauf ebenen Schrittes im königlich-schmutzigen Wagen (gleich einem in Bley gefassten Diamanten) nach Hause fuhr, kam es mir unterwegs in den Sinn, der berühmten Kauf- und Handelsfrau Madame Bügel en passant eine Visite zu machen. Gedacht, gethan. Und siehe! meine Höfligkeit wurde herrlich belohnt. Madame la grossière war so artig 6 vortrefliche Pfirschen & & auf meinen Pfad zu streuen, welche so gleich von mir dem regierenden Hause Gyllembourg als ein clemüthiger Tribut dargebracht, und darauf gemeinschaftlich mit mir mit grossem Appetite verzehret wurden. Siehe, so trachten wir unsere Sehusucht nach dir zu veressen. Es will uns aber doch nicht damit gelingen, bey jedem guten Bissen denken wir an dich und möchten ihn mit dir theilen. Bey dir scheint es hingegen zu heissen: Wohl aus den Augen, wohl aus dem Sinn; sonst hättest du wohl ein paar Worte von Heisingborg aus geschrieben, du ungetreuer Verräther! fi hontez vous quelque chose! In Erwartung indessen, es werde dein steinernes Herz doch ein wenig bewegen, dass ich uneingedenk meiner Gathedralität, Berühmtheit, meines reiferen Alters & & von uns beyden zuerst geschrieben (welches in paranthesi gesagt wohl verdiente, dass du bey deiner dankbaren Verbeugung dafür beyfolgenden angulum gratitudinis Λ dir zum Muster nähmest), habe ich die Ehre zu sein
dein
einem nicht zu kurzen Antwortschreiben (worin von deinem ganzen Verhalten, seit das cathedrale Mentorauge dich zuletzt anblickte, ausführlich Rechenschaft abgelegt wird), mit Verlangen entgegensehender und wider deinen Willen dich liebender Freund

G. F. Weyse.