Danmarks Breve

BREV TIL: Johan Ludvig Heiberg FRA: Christoph Ernst Friedrich Weyse (1812-10-16)

Copenhagen16. October 1812.

Mein lieber Ludewig!

Si vales, bene est, ego valeo. Das heisst: wenn du dich wohl befindest, desto besser für Dich; ich befinde mich gar nicht sonderlich. Ich bin ganz erbärmlich erkältet und leide an Schnupfen, Kopfweh, Heiserkeit, blöden Augen, rheumatischem Reissen a priori und a posteriori & & &. Als ich vorgestern mein schweres Haupt vom Sofakissen erhob, (es war Mittags halb drei) sah ich lauter zackige Blitze, die mich sehr in-commodirten. Ich achtete indessen nicht sonderlich darauf, sondern machte mich, dem unvernünftigen Bellen des Magens vernünftig nachgebend, gelassen auf den Weg nach Evers, um meinem ungestümen Gerberus allso ein Stücklein Brodtes vorzuwerfen. Als ich da anlangte, glaubte ich in dem Zauberschlosse von Zemire und Azor mich zu befinden : die Zimmer waren sauber mit Besemen gekehret und mit Blumentöpfen geschmückt, der Tisch war gedeckt und meine feine Nase witterte einen Gänsebraten, welcher sinnreichen Conjectur die auf dem Tische befindlichen eingemachten (zu) sauren Zwetschen (wovon ich sogleich eine zur Probe mir zu Gemüthe führte) freundlich zusagten; aber sonst war es im Hause wüste und leer und nicht eine lebendige Seele zu erblicken. Sogar einige am Plafond befindliche Fliegen sassen da unbeweglich, gleichsam wie versteinert. Mir kam der Uz s. 37 im Oschantag in den Sinn, der Mann mit den Marmorbeinen, aber ein einziger Blick auf die meinigen, nicht von Marmor, sondern von elastischem Fleische schön geformt — beruhigte mich und erfüllte mich mit frohen Hoffnungen; und so sultanisch gemächlich und sanft auf den wohlgepolsterten Sofa mich hinstreckend, griff ich nach einem Buche. Aber wie erschrack ich, als alle Buchstaben durch einander liefen, wie Würmer, und ich nicht im Stande war ein Wort zu erkennen. Das ist der Anfang des schwarzen Staars, rief ich entsetzt, und sann vergebens nach einem Mittel umher, dem Unglücke vorzubeugen. Da ich aber alles übrige im Zimmer doch recht gut erkennen konnte, so suchte ich mich durch den Gedanken zu beruhigen, die Ursache dieses Zufalls könne wohl darin liegen, class das Blut durch die Erkältung zu Kopfe getrieben werde. (So hat auch in der That Brun es nachher erklärt). Es dauerte indessen doch ein Paar Stunden, ehe ich wieder so gut sehen konnte als zuvor. Übrigens zeigte sich dein Freund auch bey dieser Gelegenheit als der wahre Weisse: er liess sich das Ganze sehr wenig anfechten, und half der heimgekehrten Familie Evers mit grossem Appetite die gebratene Gans verzehren. Was ist aus dieser Geschichte zu lernen? Dasz Haller sehr Recht hatte zu sagen:

fällt auch der Himmel, er kan Weisse decken,
aber nicht schrecken.

Und dass gewisse reisende junge Studenten es nie dankbar genug erkennen können, dass der besagte grosse Weisse sich herablässt, sie eigenhändig die wahre Filosofie zu lehren und wenn sie fein aufmerksam sind, nachher zur Belohnung ihren Leib mit Chokolade und Eierpunsch und die Seele mit Wiz und Humor zu erfrischen. Zu ihrem wahren Seelenheile würde es gereichen, wenn sie endlich einmal anfingen, diesen, nie genug zu feiernden Helden etwas eifriger, als bisher zu studiren, und (jedoch mit Bescheidenheit) treulich ihm nachzuahmen. Damit dieses Studium heute den gehörigen Anfang nehme, so

Singe den. Zorn, o Göttin, des Weyseiaden Christoffer,
Ihn, der entbrannt, den Bostonern verderblichen Jammer erregte
Und viel tapfere Spiele der Heldensöhne zum Ais
Sendete; aber sie selbst preisgab den erbärmlichsten Beten.
(Spute Kalliope dich! mit wartender Feder steht Weyse
Selber am Pult! komm! hilf ihm vollenden das prächtige Epos!)

s. 38 Doch die Musen sind, wie es scheint, alte adliche Damen geworden, die sich vor dem Wetter scheuen: Kalliope scheint heute eben so wenig um mein Rufen sich zu bekümmern, als bisher Polyhymnia. So erfährst Du denn für heute nichts weiter von dem merkwürdigen Ereigniss, wie vor einigen Abenden durch grausamen Zank sich entzweiten der Herrscher im Volk Agamemnon-Gyllembourg und der muthige Renner Achilleus-Weyse. Diese Epitheta sind sehr wohl gewählt (Du brauchst nicht spöttisch die Nase zu rümpfen) denn sage mir: sitzt nieht Gyllembourg den ganzen Tag in seinem Zimmer, gleich dem HöUengotte, mit dem dampfenden Scepter in seiner Rechten, und zählet das Volk, wie einst König David? und ist nicht unter den mutigen Jünglingen Seelands, Weyse der mutigste Renner? denn wer rennet wohl, so wie er, den ganzen Tag informirend (blla!) in Kopenhagen umher, und noch spät am Abend m dicker Finsterniss und noch dickerem Koth, vom Amagertorv bis zur Blancogade? vom Sturm umsaust, vom Regen überschwemmet kommt er da an und lächelt milden Sonnenschein deiner Mutter entgegen. Du kanst dem Himmel danken, dass Du jezt in dem Lande Kanaan, Schweden, (wo Milch und Honig fleusst und ewrg die Sonne scheint) dich befindest: hier in Seeland wärest du zarte Pflanze in dem erschreklichen Wetter längst dahingewelkt. Ich aber wachse mächtig darin empor wie der Baum des Lebens und murre nur zuweilen ein wenig wenn es gar zu arg wird. „Jeg vilde ønske det regnede Skomagerdrenge!“ rief ich neulich voll Verdruss, als mir der Schuster eine Rechnung präsentirte „mit einem par à cordonnier könnte man doch im schlechten Wetter wohl ausgehen, und ein paar Stiefel vorzuschuhen kostete denn wohl schwerlich 18 Thlr.“ Doch nach dem ersten Zorne zahlte ich gelassen die verlangten 36 Rdlr. 2 Mk., und das Sprichwort bedenkend: haardt imod haardt, sagde Kjærlingen, da hun etc., ging ich Sporenstreichs hin, und bestellte mir trozig ein paar neue Stiefel. Der Schuster, der mir das Maasz nahm (er heiszt Johannsen) war ein feiner Mann, der es praktisch zeigte, dasz man, ohne den Knigge gelesen zu haben, es doch sehr wohl wissen kann, wie man mit grossen Genies umgehen und ihren Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren lassen soll. „De har et overmaade godt Støvle- s. 39 been, Læggene ere meget tykkere end Hælene“ sagte er. Ich sah ihn etwas mistrauisch darauf an, ob er nicht etwa eine erwachsene, heyrathslustige Tochter habe, oder vielleicht hoffe durch mich bei Hofe sein Glück zu machen. Doch wie schnell bereute ich mein Mistrauen! zu dem ersteren war er zu jung, und zu dem zweyten? — o ein so edles blasses durch einen Zug des Leidens verschönertes Gesicht, ein Paar Augen aus denen ein Meer von Gutherzigkeit hervorströmt, und die weit über alles irdische hinweg in die erhabene Ewigkeit blicken, für die es also zehnfach schmerzhaft seyn musz, bisweilen gezwungen den fühllosen Leisten und das schmuzige Leder anblicken zu müssen — kümmern sich wenig um die Gegenstände der Begierden gewöhnlicher Menschen, Ehre und Reichthum. Er verlangt auch nur 38 Rdlr. für die Stiefel. Edler Schuster i wollte ich entzückt ausrufen, doch besann ich mich zu rechter Zeit und beschloss mich noch vorher bey Lafontaine Raths zu erholen: wie man am besten die Tugend der Handwerksleute prüft und läutert. Und so schwieg ich. —

Doch Ew. Hochedelgeb. mögen nichts von Handwerksleuten hören, (das Neujahr ist freylich nahe). Sie möchten lieber wissen wie es allhier um die Wissenschaften und besonders um die Medicin steht. Um die Medicin? meine Kolik ist noch immer die alte und erweckt mich sehr liebreich jeden Morgen; durch die Salpetersäure sind die Ringwürmer dobbelt so gross geworden, und ich habe mit der Cur aufgehört ; mein Stein hat den Adel im Finger, ist schon zweymal geschnitten, und er hat noch weder Tag noch Nacht Ruhe; Meiers Schwester hat böse Augen, die sich nicht wollen cu-riren lassen; einer hiesigen Bürgerfrau ist neulich vor grosser Entzündung ein Auge geborsten und die Crystallinze entfallen; etc. Ew. Hochedelgeb. belieben sich also dero Frage selbst zu beantworten. Lieber möchte ich denenselben schliesslich noch etwas historisches berichten, als z. E. dass ich vor ein Paar Tagen den Oelenschl. besucht habe, und aufs neue die alte Leyer: es sey in Faruk zu wenig Melodie und zu viel Harmonie, habe anhören müssen; worauf ich denn zum lOlsten male das schon 100 mal gesagte mit eben so schlechtem Erfolg als bisher wiederholte ; item dass ich vorgestern bey Borries herrlich mit Krammetsvögeln und Äpfelmusz bin traktirt s. 40 worden; item dass neulich ein Student, als Treschow ihn fragte: hvordan vil De omvende den Sætning: den som stiæler skal hænges; ganz naiv erwiderte: den som hænger skal stjæles; item ich weisz nichts mehr als dass ich über jeden zurückgelegten Tag mich freue, weil er mich dem Augenblicke näher gebracht hat, da ich Dich wieder an mein Herz drücken und es Dir mündlich sagen kann, wie sehr Dich liebet Dein

G. F. Weyse.

N S. Ich habe mich nach alter Gewohnheit in Wolle eingepackt, und die Erkältung ist schon im Abzuge. Adio.