Danmarks Breve

BREV TIL: Johan Ludvig Heiberg FRA: Christoph Ernst Friedrich Weyse (1812-10-23)

Copenhagend. 23 8br 1812.

Ich wüsste in der That nicht, was mich abhalten sollte, meinen heutigen Brief an dich, mi tili, in Kapitel abzutheilen. Nicht eben aus besonderer Liebe zum Systematischen, auch nicht aus Eigensinn oder gar ohne alle Ursache wähle ich diese Form, sondern weil ich meine Briefe an dich als Bruchstücke eines Romans ansehe, worin ich (wie sich das von selbst versteht) der Held bin, und welcher den Titel führen könnte: Ernst und seine Umgebungen oder Geschichte eines frommen Dulders. — Die Gapitelform ist die wahre Form der Romane; hier entsteht die Materie gleichsam unter der Feder; da ich nun nicht ein Wort von dem weiss, was ich dir heute schreiben werde: so folgt hier:

Das erste Capitel.

Das niedliche Wohnzimmer im dritten Stock war zum Empfange des hohen Gastes aufs zierlichste gesäubert und s. 55 geschmückt. Die schönen mahogoni Meubeln waren sorgfältig abgestäubt und spiegelblank gebohnt. Der prächtige, türkische Fuszteppich sammt den Fenstergardinen, den Sofa-und Stuhlüberzügen von rothem Damast, gaben einen wahrhaft fürstlichen Anblick, und mehrere Potpourris und auf den milderwärmten Ofen gestreutes Räucherwerk erfüllten das Zimmer mit Wohlgeruch. Mitten in demselben standen aufs eleganteste gepuzt — deine Mutter und ich in folgendem Gespräch :

Sie: Jeg vil tilforladelig ikke have ham her i Dag; jeg har Hovedpine og kan ikke taale at høre Sang.

Ich: Men bedste Fru Gyllembourg! betænk dog, en Konge

Sie: Jeg vil ikke have ham her.

Ich: Herre Gud, hvad skal jeg da sige til ham?

Sie: Hvad De vil.

Ich: Men betænk dog, hvad vil han svare mig, naar jeg siger til ham : Deres Majestæt, jeg kan ikke synge med Dem i Dag, fordi Fru Gyllembourg har Hovedpine?

Sie: Det kommer ikke mig ved.

Ich: De bringer mig til Fortvivelse! Jeg er allerede ganske desperat af Hovedpine, og De —

Sie: Desto bedre, saa har De en god Undskyldning.

Ich: Jeg beder Dem, hvor tør jeg komme med saadan en Undskyldning til saa stor en Konge? Sie: Stor eller lille, han skal ikke komme her.

Ich: Som har sejret over Østerrig, Rusland og Frankrig!

Sie: Han skal ikke sejre over mig; jeg vil paa ingen Maade se ham idag.

In voller Verzweiflung warf ich mich auf den Sofa, denn schon hörte ich den König auf der Treppe. Deine Mutter ging nach der Thüre, sie öffnete sich, und hereintrat im höchsten Puz — der alte Galliotti mit seiner Tochter. Feyerlich und ehrfurchtsvoll führte deine Mutter beyde nach dem Sofa, ich sprang auf und lief davon, und wäre wohl gelaufen bis an der Welt Ende, hätte ich nicht mitten im Laufe mich zu meinem Erstaunen im Bette gefunden. Kurz — das ganze war ein Traum gewesen. Der grosze König Friederich der zweyte war verschwunden, aber nicht das geträumte Kopfweh s. 56 welches mich nicht wieder einschlafen liess und leider fortwährte bis ans Ende des folgenden Capitels.

Zweytes Capitel.

Wenn eine zartgebaute Cathedralperson von einem reichen Justitzrath mit Linsen und angebranntem Sauerkohl, und statt des Weines mit saurem Biere bewirthet wird : ist es da wohl zu verwundern, wenn 3 Tage nachher eine gefährliche Gäh-rung der ganzen Constitution den Untergang drohet? Wäre die Göttin der Digestion nicht in eigener Person mit Hülfstruppen erschienen: gewisz, ich läge jezt, wenn auch eben nicht im Grabe, doch wenigstens im Bette. Den ganzen langen Montag musste ich Haus und Sofa hüten und der hagre Tod lauerte vor der Thüre und liess mich nicht aus den Augen. Ich muss suchen den Tod zu betrügen, sagte ch endlich gegen Abend, hüllte mich dicht in meinen Kavai und schritt kühn zur Thüre hinaus. Das kann unmöglich Weyse sein, sagte der Tod betroffen und leise für sich. Und doch ist er's, rief ich mit so gewaltiger Stimme, dass der Tod erschrocken davon lief, und gewiss sobald nicht den Muth haben wird wieder zu kommen.

Drittes Kapitel.

Mit 3 Schritten war ich in der Biancogade. Hier fand ich eine christliche Gemeine andächtig um einen theologischen Studenten versammelt, welcher mit vernehmlicher Stimme die Epistel Johannis Ludovici, zu deutsch Johans des Läufers verlas. Wir alle wurden dadurch nicht wenig erbaut, und das Tugendgefühl der Reiselust erwachte in uns allen so mächtig, dasz wir einmüthig aufsprangen und nach dem Wanderstabe griffen. Aber da trat uns plözlich ein grausames Ungeheuer entgegen, der Cours genannt, zeigte uns drohend seine 1600 Stacheln und gebot uns zu Hause zu bleiben. Traurig nahmen wir wieder unsre Pläze ein, und nur ein dankbarer Blick auf die Epistel, und die Hofnung, mehrere dergleichen zu erhalten konnte uns einigermaszen beruhigen. Sehr erfreulich war es uns, dasz der Schreiber derselben in seinem himlischen Freudensale unsers irdischen Jammerthaies und seiner Bewohner noch mit Liebe, ja mit s. 57 Sehnsucht gedenket. Bedarf es einer Versicherung, dass wir ihm herzlich gleiches mit gleichem vergelten? Mit inniger Theilnahme begleiteten wir ihn auf der ganzen Reise, freuten uns der in Smaaland gefundenen Unschuld, beneideten die glücklichen Schweden um ihren Holzüberfluss und dachten mit Seufzen daran, dass hier der Faden jezt 90 Rthl. kostet; lächelnd sahen wir in Gedanken der originalen Bergfahrt zu und gratulirten zur glücklichen Vollendung. Hier schlug ich der christlichen Gemeine vor folgendes geistliche Lied anzustimmen :

Es segelt ein Ludwig auf trocknera Land,
Er segelt in vollem Laufen
Gar einen steilen Berg hinab,
Darauf musst er verschnaufen.

Viertes Kapitel.

Indessen waren im Nebenzimmer die Schranken geöffnet und die 4 Könige bekämpften einander mutig und mit wechselndem Glück. Hoch über ihnen aber schwebte das mächtige Schicksal, in der Gestalt Gyllembourgs, Bruns und Weyses, und lenkte jeden ihrer Schritte. Man hätte diese drei Herren für die 3 Höllengötter Minos, Æacus und Rhadamanthus halten können, mit so feyerlichem Ernste sassen sie da mehrere Stunden, bis es endlich ihnen gefiel, die Streitenden durch ihren schwarzen Diener zur Ruhe bringen zu lassen und sich selbst, von Hebe bedient, mit Nektar und Ambrosia zu erquicken.

Fünftes Kapitel.

Von dem Nektar kostet das Pfund jezt 24 Rthl. Ist das nicht erschrecklich?

Sechtes Kapitel.

Die Damen Jürgensen und Gyllembourg hatten nach Endigung der Epistel sich mit nüzlichen und angenehmen Gesprächen sowie mit Handarbeit beschäftigt. Nach und nach hatten sich bey ihnen eingefunden, der zefyrliche Brestorf (gleichet nicht seine Rede dem Säuseln des Zefyrs durch die Blumen?) item der Besenstiel, der Bälgentreter und der steinerne Gast 1) . Der leztere macht seinem Namen Ehre und ist s. 58 noch unendlich stummer als sein Namensvetter in Don Juan. Den Gegenstand der Abendunterhaltung dieser Gesellschaft übergehe ich billig mit Stillschweigen. Ich hörte nur Fragmente und bin ohnehin überzeugt, dass die Muse des Briefschreibens, Thomasine (die Stofverschlingerin, wie ich sie homerisch nennen möchte), nicht ermangelt haben wird dich mit einer geschicktem Feder, als die meinige, von allem zu unterrichten. Doch sey es mir erlaubt, dir zu berichten, wie sogleich nach dem Abendessen der Bälgen treter noch in aller Eile für unsre Bildung sorgte und dem einen nach dem andern folgendes Lieblingsepigram ins Ohr flüsterte:

Job il but, et il fut tendre
Et puis il devient son gendre.

Darauf verfügte sich jeder nach Hause und zu Bette und so war abermahls ein Tag vollbracht.

Siebentes Kapitel.

Dieses ist das letzte Kapitel, und enthält gar nichts. —

Deine Briefe von Nykjöping und Stockholm sind gleichfalls angekommen und ich habe im Herzen dem Himmel gedankt, dass ich nicht bey dem vortrefflichen Concerte gegenwärtig war. Bei solcher Gelegenheit ist der alte Kant wahrscheinlich auf den Satz gekommen : Die Musik sey die inurbanste aller Künste. Dass sie für einen, der sie treibt wie ich, die langweiligste sey, daran ist, wenigstens bey mir, kein Zweifel. Ich habe seit deiner Abwesenheit auch nicht eine Note geschrieben und werde wohl schwerlich etwas schreiben, wo du dich nicht meiner erbarmst. Gedenke also auch in dieser Rücksicht an deinen nach einer Oper schmachtenden Freund und Componisten

C. F. Weyse.

N. S. Meine Büchersammlung hat sich um die 8 ersten Theile von Holberg, die Clarissa Harlowe (paa Engelsk) und den Dante vermehrt. Für meine Kupfersammlung hat Brummer mir den ganzen oldenburgischen Stamm geschenkt. Adio mio caro.

(Fortsættes.)

s. 59 Joh. Fred. Gyllembourg.
Efter et Miniaturmaleri tilh. Etatsraadinde Heiberg.