Danmarks Breve

BREV TIL: Johan Ludvig Heiberg FRA: Christoph Ernst Friedrich Weyse (1812-10-30)

Copenhagend. 30. Okbr. 1812.

Deinen Brief (!!!) vom 23 h. m. habe ich gestern Abend erhalten, und mit Vergnügen Deiner Mutter und Gyllembourg vorgelesen. In Betracht Deines im exam. art. für den deutschen Styl erhaltnen Charakters kann ich indessen nicht umhin, mich unmasgeblich ein wenig zu verwundern. Wie soll ich mir doch die vielen Fehler erklären? Z. B. Antwort an den Brief; das Butter; Du muss; ich will Dich erzählen & & &. Entweder heiszt es hier: memoria Johannis Ludovici Heimontis est labilis; zu deutch: J. L. H. hat ein gar kurzes memoriam; oder besagter J. L. H. hat die examinations-deputation bestochen. Vor der Blancowelt ist übrigens Deine Ehre gerettet, indem ich beym Vorlesen alle Fehler sorgfältig corrigirt habe. Ein Paar ganz incorrigible Stellen habe ich doch auslassen müssen, ja nach reiferer Ueberlegung, dieselben heute, als gar zu arg den Brief verunstaltend, mit einer feinen Scheere gar säuberlich ausgeschnitten, so dass Dein Brief jezt folgendermassen sich präsentirt :

s. 68 wornach sich in Zukunft zu achten und vor Schaden zu hüten. Gestern Abend dachte ich vor Melancholie zu sterben, und das war Deine Schuld. Als nernlich Deine Mutter Deine beyden, lauter Freude und Wonne athmenden Briefe an sie und G. vorlas, und ich mit Theilnahme zuhörte, wie Du Deiner Jugend und des Lebens fröhlich geniessest, da trat plötzlich, als herber Kontrast, meine eigne freudenleere Jugend in dürrer Naktheit vor mich hin, und zeigte mir prophetisch den noch zu durchwandelnden Theil meiner Lebensbahn als eine öde Wüste. Was habe ich noch vom Leben zu erwarten? sagte ich zu mir selbst, den Gegenstand meiner heissesten Sehnsucht, ein liebendes und geliebtes Wesen, werde ich nimmer finden. Ich nahe mich dem Herbste meines Lebens und weiss nichts von einer Blüthenzeit. Vor 11 Jahren träumte ich mich einen Augenblick glücklich: mit der ganzen Kraft der ersten und einzigen Liebe umfasste mein Herz — eine Unwürdige. Sie riss sich los, und mein ganzes Wesen war für immer zerstört. Nun wandele ich forthin einsam auf kalter freudenloser Bahn, gleich dem blassen Monde. Von widerstrebenden Kräften fortgestossen, treibe ich mich ewig im Kreise umher und suche vergebens Ruhe; nur die Vernichtung wird mich dahin führen. Was kümmert es mich ob die Welt meines erborgten Glanzes sich freue: ich bin ein dunkler Körper, mein Feuer ist erloschen, und nichts übrig, als Spuren der Zerstörung, welchen nur selten ein Blümchen entkeimt. —

Siehe mein Freund! so sahe es gestern in meinem Gemüthe aus. und weder das Fantasiren auf dem Fortepiano, noch Deiner Mutter liebreiches Zureden vermochte mich auf-zuheitern. Heute ist alles anders, und in meinem ganzen Gesichte, welches ich dem Schreibepulte gegenüber im Spiegel erblicke, ist nicht eine mismütige Falte. Uebrigens muss ich Dir im Vertrauen entdecken, dass ich vor ein Paar Tagen bey s. 69 Stub unvermuthet zu Gesichte bekam — das von Juel sehr ähnlich gemahlte Portrait der gewesenen Dame meines Herzens. Es machte einen sonderbaren Eindruck auf mich: ich hatte (kannst Du Dir das vorstellen?) ihr Gesicht ganz vergessen. Ich betrachtete es lange und aufmerksam, und wunderte mich, dass dieses Gesicht mir vor Jahren so unaussprechlich interessant gewesen war. Hm! jezt würde ich mich nicht darin verlieben, sagte ich, und ging ganz kalt davon. So sind wir Menschen. Heute wollen wir uns um den ßesiz eines Gegenstandes erschiessen und ersäufen — und morgen sind sie uns gleichgültig. Ich habe in diesen Tagen mit grossem Interesse zum erstenmale Göthes Bekenntnisse einer schönen Seele gelesen, bisher hat mich immer ich weisz nicht welch ein Vorurtheil davon abgehalten. Was ist doch Göthe für ein herrlicher Dichter! welch eine vortrefliche Charakterschilderung, wie wahr und weiblich. Eine einzige Stelle darin hat mich gestossen : die, wo sie von den liederlichen Mannspersonen spricht. Das reimt sich, däucht mir, nicht mit der übrigens so grossen Delicatesse ihres Charakters. Doch wie hast Du jezt Zeit an Göthe zu denken? Tag und Nacht singest und sagest Du wohl: Langt meer end Göth’ er Schlegel værd. Ist dies wirklich der Fall, so beneide ich Dich nicht darum; einem jeden das seine. Sonst lese ich mit Deiner Mutter jezt den Morgante maggiore und ergöze mich nicht wenig an der possirlichen und naiven Zusammenstellung des Religiösen und Burlesken. Und ich habe gelesen das Geburtstagsstük der Königin: Cendrillon (bllaaa—) Welch fantasieloses, plattes, nichtsnuziges Zeug. Es hat wie ich höre grosz Glük gemacht. Nun ja, das war von unserm erleuchteten Geschmake zu erwarten. Von der Ausführung von Stærkodder, von Kruses Briefe, von dem Abendbesuche der Familie Herz cæteris paribus wird Deine Mutter Dir wohl erzählen. Und so wäre denn abermals ein Brieflein vollendet, mit welchem sich Dir für diesesmal empfiehlt

Dein
C. E. F. Weyse.

N. S. Ich schreibe Dir deutsch, weil es mich genirt dänisch zu schreiben, aber schreibe Du nur hübsch dänisch. Du kommst mir sonst ganz fremde vor. Gott befohlen.

s. 70 Postscriptum secundum. Mit der Amaranthen Gesellschaft wird es Ew. Exellenz denk ich gehen, wie Molière weissagt : ne dis pas quelle est amaranthe, dis plus tot quelle est de ma rente und Du (wirst) wieder zurückkommen, arm wie eine Kirchenraze. Gott verhüt’s.