Danmarks Breve

BREV TIL: Jakob Peter Mynster FRA: Henrik Steffens (1825-09-08)

Fra Steffens.
Waldenburgd. 8ten Septbr. 1825.

Lieber Mynster! Endlich ergreife ich einmahl wieder die Feder, um dir zu schreiben. Du hast wohl Recht — es ist fast eine sündliche und auf jeden Fall schwer zu rechtfertigende Anmatung, dat man nur ganz vortreffliche und tiefsinnige Sachen an seine Freunde schreiben will, dat man nur als ein extraordinairer und ganz aparter Mensch, und nicht als ein einfacher Freund erscheinen will — und doch ist es das nicht allein, was mich abhält so oft zu schreiben, als ich sollte und wollte. Es giebt ein viel einfacherer Grund, und das ist — die Faulheit. Nicht allein diejenige, die es mir immer schwerer macht überhaupt die Feder zu ergreifen, sondern auch diejenige, die mich auf eine recht tödtende und einschränkende Weise in den Kreis der Umgebung festhält, so dat man sich nicht los reiten mag, nicht in der Ferne, unter entsernten Freunden leben mag. Wir haben allerley vornehme Nahmen für dergleichen, aber im Grunde ist es nichts als die berühmte Faulheit, die wir, wie so vieles, mit den gemeinsten Leuten, über die wir uns erheben möchten, theilen.

Dein Brief, lieber Freund! hat mich sehr gefreut — ich hatte mich recht nach einigen Nachrichten von Euch gesehnt, und wir müssen uns, nach einer so freundlichen Erneuerung alter Zeiten, nicht wieder fremd werden. Dein Brief verset$$* mich recht lebhaft in die freundliche Mitte aller meiner Freunde, die mir so wohl wollen, und mich, mehr als ich es verdiene, auszeichneten. In der That ist meine Reise eine wahre Erquicckung gewesen; — auch hier behauptet jedermann, sie habe mich um mehrere Jahre verjüngt. Wohl bin ich alt genug geworden um einzusehen, dat so viele verschiedene Menschen mich nie auf eine solche Weise mit Freundschaft und Liebe umgeben würden, wenn ich in Kopenhagen lebte und wirkte. Meine Persönlichkeit würde dann Mehrere, Andere meine Ansichten, Viele mein Wollen und Streben zurückstoten, wie es s. 113 mir hier geht. Demohnerachtet ist mir die Erinnerung an Kopenhagen überaus erfreulich. Dat die Universität — mag auch manche, besonders finanzielle, Misere, die dich wohl am meisten quält, statt finden — sich so sehr zu ihrem Vortheil verändert hat, dat so viele jüngere Lehrer das Betere, Tüchtigere wollen und nachstreben, dat auch unter den Studierenden ein lebendigerer Geist rege wird — hat mich wahrhaft überrascht, wenn ich meine frühere Erinnerungen damit verglich. Ich mut dir doch auch sagen, dat ich einen sehr — freundlichen, möcht\'ich fast sagen, Brief von dem Erbprinzen vor einigen Monaten erhalten habe. Von Berlin aus schreib ich ihm, um ihn zu bitten, dat er etwas für meinen Freund, den Etatsr. Berger in Kiel, thun möchte. Dieser, wirklich treffliche, Mensch lebte in einer traurigen Lage. Ich erwähnte ganz kurz dabey, wie lieb mir die Aussicht wäre — durch seine Aeuterungen mir eröfnet — einmahl in der Zukunft für mein Vaterland leben zu können. Er antwortete, indem er mir erst eine Nachricht über Bergers verbeterte Lage mittheilte, er erwartete je$$*t ganz gewit, dat ich eine Stelle in Dänemark annehmen würde, und zwar so, dat ich entweder selbst die Stellung bezeichnete, oder den dortigen Behörden es überliete, mir eine passende anzutragen. Noch habe ich nicht geantwortet, und bin einigermaten in Verlegenheit. Ich hatte nicht erwartet, dat er so bestimmt aufnehmen würde, was ich doch nur sehr unbestimmt fallen liet.

Meine Lage hier ist eigen — und ich kann nicht sagen, dat ich ganz zufrieden bin. Es ist euch bekannt, wie meine Vorlesungen in Berlin viel Aufsehen machten. *) Auch ist es nicht blot das Publicum, die Zuhörer, die jugendlichen Anhänger, die meine Anstellung dort wünschten. Ein groter Theil der Lehrer sahen meine Anstellung selbst als wichtig an; s. 114 und wenn ich alle falsche Bescheidenheit bey Seite se$$*e, glaube ich es selbst. Der Kronprinz, der mir wohl will, äuterte den Wunsch, mich in Berlin angestellt zu sehen, als ich von ihm Abschied nahm —, ohne irgend eine Veranlatung von meiner Seite. Und sein Grund war der richtige. Wenn auch Hegel der grötte Philosoph unserer Tage wäre, so ist seine Philosophie doch noch nicht geschichtlich geworden; und wenn irgend etwas, mut die Philosophie sich geschichtlich bewähren, ehe sie von einer Behörde als eine Autorität betrachtet wird. Eine Behörde, die anzunehmen scheint, dat die Acten der philosophischen Bemühungen mit irgend einer Philosophie des Tages geschloten seyen, ist gewit auf einem gefährlichen Irrweg. Hegel — ihn selbst halte ich allerdings für einen der tiefsinnigsten Denker unserer Zeit — hat auterdem ein ganz eigenes Unglück: er hat gar keine bedeutende Schüler, und ich darf mich in dieser Rücksicht nicht allein neben ihm stellen, sondern ich bin auch glücklicher wie er — Die Hegelianer, die ich kenne, sind zum Erbarmen. — Dennoch hat das Ministerium Hegels Philosophie für eine Staatsphilosophie erklärt, und selbst verordnet, dat die Schullehrer diese Philosophie, an der Stelle des Philosophirens, gelernt haben sollen. Wer nun, im ganzen Umfange des Reiches, auter Hegel selbst, die Kenntnite der Eandidaten hierin prüfen soll, das kümmert diese Herrn wenig. — Doch ist diese Schwierigkeit nicht die einzige, die mir entgegen steht. Die empirischen Physiker waren seit langer Zeit meine Gegner — und auch die Frommen sind keinesweges meine Gönner. Ich folgte meine Überzeugung und erklärte mich in meinen Vorträgen gegen eine jede christliche Secte, die ihre Mitglieder für die „Erweckten" hält, und geistloses Verschmähen der Witenschaft und Kunst und alles Edlen und Groten in der Welt Christenthum nennen. Dieses eingeschränkte sich Herumdrehen in einengenden Bibelausdrücken, die am Ende allen Sinn verlieren, ward mir bey dieser Secte immer mehr zuwider — und sie führt leider das grote Wort — ja ich fürchte sehr, dat sie es oft nicht sehr ehrlich meint, s. 115 und mehr politische als christliche Absichten hat. Alles was diese Herrn sagen und thun, wollen sie durch Gebet errungen haben, und der Herr soll es ihnen unmittelbar eingegeben haben — wodurch eine jede Einrede abgeschnitten ist. — Ein höchst einfältiger Mensch, der in hohen Cirkeln besonders für einen Frommen gilt, und es — ich zweifle nicht daran — sehr ehrlich meint, erzählte neulich in einer groten Gesellschaft, wie er ein Paar Tage früher in einem Kreis etwas hören mutte, was seiner Meinung nach dem Christenthum sehr nachtheilig wäre, nach meiner Überzeugung aber sehr vernünftig war. „Da gab mir der Herr die Gnade", erzählte er weiter, „zu antworten" — was es war erinnere ich nicht, es war etwas sehr Einfältiges. Fast unwillkürlich brach ich los: „Gott wäre Ihnen gnädiger gewesen, mein Herr, wenn er Sie verhindert hätte so zu antworten." — Die fromme Gesellschaft, die offenbar auch von mir einen christlichen Stotseufzer erwartet hatte, blickte mich erstaunt an, und diese Geschichte ward für ein Paar Tage ein Stadtgespräch. *)

8

Ich bin deshalb weit davon entfernt, eine Anstellung in Berlin zu erwarten, obgleich das Gerücht sich erhält, und selbst Schleiermacher, der wie ich eine Ferienreise in das Gebirge angestellt hat, es für gewit annahm und mich gratulirte **) . Wirklich ist meine hiesige Lage nicht die angenehmste — mein Wirkungskreis als Docent — mein liebster und wichtigster — ist in Breslau sehr eingeschränkt, und dann peinigt mich je$$*t noch die oekonomische Verlegenheit. Das Beste ist die Ruhe, die ich habe für literärische Arbeiten, und ich hoffe einiges Gute liefern zu können; auch mut — leider! — meine Feder meine Schulden bezahlen. Ich gebe — von allen Seiten dazu aufgefordert — die Vorlesungen, die ich in Berlin für Männer und Frauen hielt, heraus — ein Versuch einer populairen s. 116 Darstellung beten, was ich will — dann eine physicalische Geographie der scandinavischen Länder u. s. w. Da ich je$$*t meine Zeit beter eingetheilt und eine Menge störende Geschäfte völlig abgewiesen habe, werde ich auch deine Briefe, lieber M! ordentlicher beantworten — ja binnen einiger Wochen werbe ich den Anfang machen, mein in Dänemark gegebenes Versprechen zu erfüllen, eine Schrift gerade für Euch auszuarbeiten, *) — eine freundschaftliche Darstellung meiner Gesammtansicht, die mich, hoff\'ich, Euch näher führen wird. — Ich fühle oft, bey meinen Vorträgen, wie nothwenbig eine solche Schrift mir ist, wo ich die Schule verlate und in der Sprache der Welt das Höchste, was mir geschenkt ist, auszubrücken strebe. Es wäre doch nichts Geringes, wenn der Kern deten, was bedeutend und lebendig in der Naturwitenschaft ist, in lebendiger Gestalt sich aus den elementaren Zubereitungen der Schule herauswagte, wenn auch nur der Anfang einer wirklichen, lebendigen, Poesie und Kunst und Leben durchdringenden Naturansicht sich zu zeigen begann. So allein kann eine eigentlich aus unserm Fleisch und Blut hervorgegangene Poesie und Kunst sich zu gestalten beginnen. Und — warum soll ich es läugnen? — selbst für die Religion, für den Glauben, würde eine solche Unternehmung, im Glauben ausgeführt, nicht ohne Segen seyn. Es würde sich zeigen, dat die höchste, eigentlichste, wahrste Deutung der ganzen Naturwitenschaft, durch welche Alles erst Zusammenhang und lebendige Wahrheit erhält, die seh, dat Natur und Mensch eine gemeinschaftliche Geschichte habe, dat die Creatur seufze nach Erlösung, wie der Mensch — und wenn das Wort nicht gehört wird, sollen die Steine zu reden anfangen.

8*

Nun — Gott segne dich, lieber, guter Mynster! und deine Frau und deine Kinder. Noch denk\' ich mit tausend, tausend Dank an die schönen Stunden und an das erneuerte jugendliche Leben.

Dein treuer
Steffens.