Danmarks Breve

BREV TIL: Jakob Peter Mynster FRA: Henrik Steffens (1830-02-10)

Fra Steffens.
Breslau, 10. Febr. 1830.

Lieber Mynster! Ich schreibe dir erst von einer Geschäftsangelegenheit —

Nun Einiges über deinen kleinen Aufsa$$*: „Logische Bemerkungen über die Identität". Wahrlich, du hast Recht: Seele und Leib sind absolut verschieden. Die Seele, gereinigt, wie sie Gott zugehört und zur Seeligkeit bestimmt ist, nenne ich die ewige Persönlichkeit, das Unsterbliche in uns, die Urgestalt, die, wie ein gefetelter Engel, in Stunden der Andacht, der reinen Liebe, der heiligen Betrachtung selbst aus den Zügen des Gesichts, aus den leuchtenden Augen hervorbricht und wehmüthig an das Elend der Zeit erinnert, die nur in vorübergehenden s. 156 Augenblicken so herrliches duldet. Du hast Recht, so wenig als die Raupe einerley ist mit dem entfalteten Schmetterling, so wenig sind Leib und Seele eins. Aber wir betrachten die Raupe als solche — auch in ihr ruht ein Schmetterling, wie könnte dieser sich sonst aus ihr entfalten? — und wir fragen: ist dieser in der Raupe verborgene Schmetterling von der Raupe verschieden? In einer Rücksicht gewit — denn das, was wir die Raupe in der Raupe, das Leibliche im Gegensa$$* gegen die Seele nennen, ist sogar dem Schmetterling entgegengese$$*t — es soll zu Grunde gehen, damit er sich entfalte, wie wir nur durch Sterben das wahre Leben erringen. Aber dennoch sind sie aus Einer Quelle; diese Richtungen sind ganz Eins, und doch durchaus verschieden. Was wir „Identisch" nennen, ist von dem „Einerley" toto genere verschieden. *) Die zur Seeligkeit bestimmte Seele hat eine Stufe der Entwickelung, in welcher sie sich, wie die Raupe, in einer doppelten Richtung, aus der nähmlichen Quelle darstellt — diese Richtungen sind gewit nicht einerley, sie sind ganz verschieden, entgegengese$$*t; dennoch ist der Leib von Gott, ist selbst göttlicher Art, die unsterbliche Gestalt einer ewigen Natur. Daher glauben wir an einen neuen Himmel und eine neue Erde, an die Unsterblichkeit des Leibes, obgleich er stirbt; daher konnte der Heiland selbst im irdischen Leben verklärt werden, und so sich zu der, uns verhüllten, ewigen Natur des Vaters emporschwingen; daher regt sich der Engel in uns und blickt wehmüthig aus der versunkenen Gestalt hervor — und dort werden wir gewit die Identität der Seele und des Leibes anschauen. Nicht der Leib verfinstert die Seele, denn er ist ein Tempel Gottes, aber die Sünde. Sie verhindert, dat nicht beide sind wie Herz und Gehirn, getrennt und doch ewig vereinigt, wie Mann und Weib in einer heiligen Ehe; sie, die gefallene Seele, hat Adams Ausflüchte gelernt, wenn sie zur s. 157 Rechenschaft gefordert wird, dat sie sagt: nicht ich war es, sondern der Leib, den du mir gabst. —

Was du mir über meine Novellen schreibst, ist mir unendlich angenehm gewesen. — Die Leute meinten, ich würde Novellen schreiben in gewöhnlichem Sinne. Aber — ich wollte eine Psychologie ausarbeiten, und ich überzeugte mir: es gäbe nur eine dichterische. Das dunkle Wühlen der kämpfenden Seele — das Lichtwerden, das Versinken, der ganze zweifelhafte Kampf ist nur in dem Leben, durch das Leben, nur als Geschichte möglich — als reine Witenschaft undenkbar. Ich schreibe noch eine — es fehlt eine, die das innere Streben und Kämpfen mehr gesondert von äuteren Verhältniten darstellt — und an diese *) arbeite ich je$$*t. Wenn sie ganz norwegisch wird, so ist das weniger Vorliebe für Norwegen, als die künstlerischen Vortheile, die ein fremdartiges, entferntes Land darbietet, die mich dazu bestimmten. — Alle Buchhändler bestürmen mich, und ich könnte reich werden — aber ich will nicht.

Ich mut leider schlieten — ich habe viele störende Geschäfte. Ich bin je$$*t — was mich sehr überraschte — nach so kurzer Zeit zum zweitenmahl Rector, sonst ziemlich gesund, und Frau und Tochter ebenfalls. Mein Neffe Henrich ist nun seit einem Jahre Student, und scheint etwas zu versprechen; ich glaube in der That, dat er ein guter Ar$$*t werden kann. Ich werde ihn Ostern oder Michaelis nach Berlin schicken. Später soll er sich in Kopenhagen practisch ausbilden, ja sogar die Anatomie repetiren ; den Dänen soll er die Vollendung seiner Bildung verdanken — das will ich, nicht aus Politik, sondern weil es meine reine Ueberzeugung ist, dat die practisch medicinische Schule da sehr tüchtig ist. — Und warum sollten meine Landsleute einem gebohrenen Dänen zuwider seyn, weil er seine erste Ausbildung hier erwarb, hier anfieng, wo die ausgezeichnetsten Aer$$*te in seinem Vaterlande schloten? Was s. 158 du mir darüber geschrieben hast, tröstet mich, und ich hoffe, man wird meinen Neffen nicht aus seinem Vaterland ausschlieten. Wenn er nur tüchtig wird — alles übrige kümmert mich wenig — und er mag sich durch die Welt helfen, wie ich es gethan habe.

Was du über deine Verhältnite sagst, hat mich sehr gefreut. Glaube mir, auch in religiöser Rücksicht stimmen wir inniger mit einander überein, als du glaubst. Auch ich habe Manches gegen die fast fanatische Richtung der „evang. Kirchenzeitung" einzuwenden, obgleich ich ihre Entschiedenheit lobe. — Ich denke mir deine Lage, wenn gleich nicht ohne Schattenseiten, doch im Ganzen angenehm. Manches Gute kannst du wahrscheinlich anregen. Wie seltsam ist es mir, wenn ich an Nr. 8, an unsere jugendlichen Träume denke, an die verschiedenen Wege, auf welche Gott uns geführt, und in welchem Sinne wir noch je$$*t so innig verbunden sind. Erinnerst du, wie wir damals immer sagten: „nur nicht im Dunkeln, unbemerkt vergehen!" — alles übrige dachten wir, in jugendlichem Uebermuthe, liete sich schon ertragen. Nun — bemerkbar haben wir uns gemacht — ob nun alles Übrige ist, wie wir uns dachten!

— Der gute Hornemann versprach, dat er mir Pflanzen schicken wollte — willst du ihn wohl an sein Versprechen erinnern? — Grüt\' ihn und alle Freunde — den guten Sibbern, Ørsted, Oehlenschläger u. s. w.

Steffens.