Danmarks Breve

BREV TIL: Johan Hartvig Ernst Bernstorff FRA: Christian Gottlieb Kratzenstein (1760-11-15)

8. Kratzenstein til Bernstorff15. Nov. 1760.

Hochgebohrner Freyherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Rath,
Gnädiger Herr.

Da ich am Mittwoch Abend bemerkte, dass Ew. Excellence mit viel zu wichtigen Unterredungen beschäftiget waren, als dass ich solche mit meinen kleinen Anlegenheiten zu unterbrechen mich hätte unterfangen sollen; so bitte mir jetzt die gnädige Erlaubnis aus solche Ew. Excellence schriftlich vortragen zu dürfen.

Zuerst danke Ew. Excellence unterthänig, dass dieselben geruhen wollen einen meiner bisherigen Auditorum in der Naturhistorie, H. Cramer, mit zur Reisegesellschaft nach Arabien zu ernennen. Ich getraue es mir von ihm zu versprechen, dass er sich durch seinen Fleiss u. seine Bemühungen dieses gnädigen auf ihm gesetzten Vertrauens würdig machen werde; so sehr auch der schwedische Professor, H. Fårskål ihn dazu vor unfähig deklariren möchte, wie er schon an einigen Orten gethan hat, ohne ihn einmal gesehen oder gesprochen zu haben. Dieser Mann ist ein so abgöttischer Anbeter von Linnæus, dass er glaubt: niemand, als ein 6jähriger Auditor von ihm könne ein Naturalist seyn oder werden; und er hat sich nicht gescheuet, mir es ins Gesicht zu declariren, dass ich, weil ich Linnæus nicht selbst gehöret, auch nicht fähig sey ihn entweder zu verstehen, oder durch meine Lectionen einen Naturalisten zu bilden. Ich habe es aber deutlich gemerket, warum es ihm so zuwider sey, dass ein dänischer Naturalist ihm an die Seite gesetzt werden solle. Er hat es sich ganz deutlich merken lassen, dass er Willens sey seine Beobachtungen Linnæo mitzutheilen u. ihm davon Gebrauch machen zu lassen. Es schien ihm nicht zu gefallen, dass ich ihm solches Wiederrieth u. ihm vorstellete, dass er jetzt nach seinem Eyde verbunden sey, alles zur Ehre von Dänemark nicht aber von Linnæus anzuwenden. Doch schien er sich damit zu trösten, dass er seine nach geendigter Reise versprochene jährliche Pension à 300 rl. verzehren könte s. 104 wo er wollte, u. es also auch mit der Publikation seiner Observationen nach Belieben halten könte.

Da ich nicht anders denken kan, als dass man diese Sendung ausser der Hauptabsicht doch auch zur Ehre der dänischen Nation gereichen lassen wollte, so habe es meiner Schuldigkeit gemäss geachtet, diese meine Bemerkungen Ew. Excellence zu beliebiger Disposition deswegen unterthänig vorzulegen.

Die andere Absicht meiner ünterthänigen Zuschrift betrift den künftigen Frieden unter der Reisegesellschaft. Ich habe auf meinen unter ähnlichen Absichten durch Russland gethanen Reisen erfahren wie ein missliches Ding es darum sey, zumal wenn der Nationalismus dazu kommt. H. Prof. Fårskål hat schon hier den letzt angekommenen Mathematicum, H. Niebor so begrüsset, als ob er ihn als seinen Subalternen ansähe. Er hat sich zwar auf meinen ihm deswegen gemachten Vorwurf damit entschuldiget, dass dieses aus Misverständnis geschehen sey. Dieses Misverständnis aber dürfte leicht procul a Jove wieder einschleichen. Ein solcher Unfrieden aber durfte die Reisegesellschaft sehr misvergnügt und unlustig zu Erfüllung ihrer Absicht machen. Um meines 5jährigen und mir also werthen Auditoris, und um des braven Mathematici willen nehme mir daher die Freyheit Ew. Excellence den unterthänigen u. ohnmassgeblichen Vorschlag zu thun, dass dieselben gnädig geruhen möchten es wegen dieses Verhältnisses der Reisenden unter sich nicht auf deren eigne Discretion u. Artigkeit ankommen zu lassen, sondern deswegen ausdrückliche Disposition zu verfügen. Auch dürfte es nutzlich seyn, dass ihnen ihr Verhalten vorgeschrieben würde, wenn die Frage ist, ob sich die Gesellschaft länger an einem Orte verweilen solle, wenn der eine Lust dazu, der andere aber nicht hat. Imgleichen wie der Mahler oder Zeichner unter den Antiquarium u. die beyden Naturalisten gleich vertheilet werden solle, da es ohnzweifel mehr Naturalien als Antiquiteten zu zeichnen geben wird.

Ich bin furchtsam genug zu glauben, dass ich vielleicht Ew. Excellence durch meine Kühnheit beleydige, indem ich mich in eine Sache mische, wo es nicht von mir gefordert worden. Ich bitte aber unterthänig meine Freyheit wenigstens damit zu entschuldigen, dass ich als ein nun schon 7järiger hiesiger Lehrer der Naturhistorie und Naturlehre, (ob ich gleich hier wegen der kleinen Anzahl der Liebhaber dazu nicht so viel bruit, als Linnæus in Schweden, damit machen kan) ja als ein ehemals selbst gewesener ähnlicher Missionarius nach meiner natürlichen Liebe zur Beförde- s. 105 rung der Naturhistorie etwas bey dieser Mission, um solche desto glücklicher fortgehend zu machen, habe beytragen wollen. Solten auch von mir einige Vorschläge von Beobachtungen gefodert werden, von welchen ich auf meinen Seereisen bemerket, dass solche mit Nützen zur Perfection der Marine angestellet werden könnten, u. welche H. Niebor od. Kramer auf dieser Beise bequem anstellen können, so bin gerne bereit dazu. Ich verharre mit unterthänigen Respect

Hochgebohrner Freyherr
Hochgebietener Herr Geheimer Rath
Ew. Excellence
unterthäniger Diener

d. 15. Nov. 1760. Kratzenstein

Prof. Phys.